Ein Leben retten: Kosovo - Birkenfeld - Australien
17.12.2013
Ein weltweites Netzwerk und der Wille zu helfen machen die Arbeit der Stefan-Morsch-Stiftung erst möglich - Ein Beispiel: Alexander G. 


Bis Alexander G. in Birkenfeld spenden konnte, war es ein weiter Weg.

Irgendwo in Australien gibt es eine Frau, die um ihr Leben kämpft. Die Frau hat Leukämie. Um eine Chance in diesem Kampf zu haben, braucht sie einen Menschen, der die gleichen genetischen Merkmale besitzt und bereit ist, ihr, einer völlig fremden Frau zu helfen. Krankengeschichten wie diese gehört für die Mitarbeiter der Stefan-Morsch-Stiftung, Deutschlands ältester Stammzellspenderdatei, zum Alltag, Routine werden sie nie. Über ein weltweites Netzwerk vermittelt die Stiftung seit fast drei Jahrzehnten jeden Tag Stammzell- bzw. Knochenmarkspender für Leukämiekranke. Auch für die kranke Australierin wurde ein passender Lebensretter in der Datei gefunden gemacht: Ein deutscher Soldat  - derzeit stationiert in einem Außencamp im Kosovo, einem Krisengebiet, wo schon die normale medizinische Versorgung problematisch sein kann.  Doch in Zusammenarbeit mit der Bundeswehr konnte auch der Patientin am anderen Ende der Welt geholfen werden.




„Das lief alles ganz unproblematisch. Wenn ich helfen kann, helfe ich“, erzählt Alexander G.

Alexander G., dessen Name hier abgekürzt ist, weil er sich noch im Auslandseinsatz befindet, ist 24 Jahre alt. Der Hauptgefreite stammt aus einer 5000-Seelen-Gemeinde im bayrischen Landkreis Neustadt an der Waldnaab. Normalerweise tut er beim Panzerbatallion 104 in der Oberpfalz-Kaserne in Pfreimd seinen Dienst. Seinen Grundwehrdienst hat er 2011 in Weiden geleistet. Damals hat er sich von der Stefan-Morsch-Stiftung typisieren lassen. Beinahe täglich sind Teams der Stefan-Morsch-Stiftung in ganz Deutschland unterwegs, um junge Soldaten als Stammzellspender zu gewinnen. Allein im ersten Halbjahr 2013 konnten so mehr als 3500 Angehörige der Bundeswehr in die Spenderdatei aufgenommen werden. Menschen, die sich bereit erklärt haben, im Ernstfall für einen an Leukämie erkrankten Menschen Stammzellen zu spenden und so dem Patienten die Chance auf Heilung zu geben. Menschen, wie Alexander G.: „Ich fand, das ist eine tolle Sache.“


Nicht einmal ein Jahr später wurde er gebraucht. Mehr als 10 000 Menschen erkranken jährlich an dieser Krankheit – allein in Deutschland. Wenn Chemotherapie und Bestrahlung nicht helfen, kann nur noch eine Stammzelltransplantation helfen. Durch sie wird dem Patienten ein neues blutbildendes System eingepflanzt. Dazu braucht der Patient aber einen Spender, dessen Gewebemerkmale weitestgehend mit den eigenen übereinstimmen. Dann wird nach einem genetischen Zwilling gesucht. In den Knochenmark- und Stammzellspenderdateien wie der Stefan-Morsch-Stiftung sind weltweit mehr als 20 Millionen Menschen registriert und trotzdem ist es immer noch ein Glücksfall, wenn sich für einen Patienten ein passender Spender findet. Alexander G. ist der passende genetische Zwilling für eine australische Patientin. Er weiß nichts über die Frau – ob sie alt oder jung ist, ob sie Kinder hat, arm oder reich ist. Das ist ihm egal.  


Im Januar 2012 spendet der junge Soldat Stammzellzellen:  Mit der Transplantation von Stammzellen bekommt der Patient ein neues blutbildendes System.  Diese Stammzellen befinden sich im Knochenmark.  Um sie zu übertragen, gibt es zwei Möglichkeiten: Die Entnahme von Knochenmark auf dem Beckenkamm – niemals aus dem Rückenmark. Oder die Entnahme peripherer Blutstammzellen aus dem Blut – ähnlich wie bei einer Dialyse.  Dazu wird dem Spender vorher ein körpereigener Botenstoff verabreicht, der die Stammzellen aus dem Knochenmark in das Blut übergehen lässt. In einer Entnahmestation – wie bei der Stefan-Morsch-Stiftung – werden dann die Stammzellen entnommen. Über die Art der Spende entscheidet der Stammzellspender. Das Transplantat wird dann schnellstmöglich zum Patienten gebracht  - ob in die USA, nach Flensburg oder nach Australien.  Denn nach der Entnahme muss die Transplantation innerhalb von 72 Stunden erfolgen.  Alexander G. ist zu diesem Zeitpunkt noch in Deutschland. Von der Stefan-Morsch-Stiftung wird er bis der Entnahme betreut und begleitet. „Das lief alles ganz unproblematisch. Wenn ich helfen kann, helfe ich“, erzählt Alexander G..


Bettina Kleinemeier, die auf Seiten der Stefan-Morsch-Stiftung, diese Stammzellentnahme koordiniert hat, erklärt: „Wir  kontaktieren, beraten und begleiten den Spender während der gesamten Vorbereitung auf die Stammzellspende. Er wird zu seiner eigenen Sicherheit komplett gesundheitlich durchgecheckt, intensiv über Chancen und Risiken aufgeklärt, und alle organisatorischen Dinge, wie die Beurlaubung oder die Fahrten zur Entnahmestation und wieder nach Hause werden ihm abgenommen.“ Auch der Verdienstausfall und alle anderen anfallenden Kosten werden von der Stiftung getragen oder der Krankenkasse des Patienten ersetzt. „Wir versuchen den Spendern - soweit es geht - alle möglichen Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Das ist eine sehr intensive Arbeit, aber die investieren wir gerne, weil wir immer vor Augen haben: Auf der anderen Seite steht ein Menschenleben. Da ist jeder Aufwand gerechtfertigt“, so Bettina Kleinemeier. Probleme zu lösen und Hindernisse aus dem Weg zu räumen gehört zu ihren täglichen Aufgaben. Sei es die Kinderbetreuung für eine alleinerziehende Mutter zu organisieren, die Spenden soll. Sei es einen Arbeitgeber davon zu überzeugen, seinen Mitarbeiter für die Lebensrettende Spende freizustellen. Oder etwa, den Transport eines Transplantats ad hoc umzuorganisieren, weil der Flugverkehr in Europa wegen eines Vulkanausbruchs in Island lahm gelegt ist. „Da sind wir nach fast 30 Jahren Krisen erprobt.“



Alexander G. Stammzellspende im Januar 2012 verlief in dieser Hinsicht reibungslos.  „173 von fast 600 Lebensretter, die die  Stefan-Morsch-Stiftung 2012 vermittelt hat, sind Angehörige der Bundeswehr“, berichtet Emil Morsch. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass unsere Spender von der Bundeswehr jegliche Unterstützung erhalten, wenn sie spenden wollen. Das ist vorbildlich.“ Nach der Spende wird Alexander G. von der Datei für weitere Entnahmen zwei Jahre reserviert. Das Transplantat hat bei der australischen Patientin zunächst gut angeschlagen. Doch Mitte 2013 treten Komplikationen auf.  Das  behandelnde  Transplantationszentrum in Australien entscheidet sich dafür, das blutbildende System mit einer weiteren Lymphozyten-Infusion zu unterstützen und sendet erneut eine Anfrage an die Stefan-Morsch-Stiftung im rheinland-pfälzischen Birkenfeld.


Bettina Kleinemeier wird sofort aktiv und stellt fest: Alexander G. ist nicht mehr in der Oberpfalz, sondern beim Auslandseinsatz im Kosovo. Jetzt müssen viele Fragen gelöst werden: Wie kommt der Soldat zur Entnahme nach Deutschland? Werden die Vorgesetzten zustimmen? Gibt es eine zeitnahe Transportmöglichkeit? Können die notwendigen Voruntersuchungen gemacht werden? Wie kommen die Blutproben nach Deutschland? Kann angesichts dieser Fragen der Termin mit der Transplantationsklinik gehalten werden? Mit Stabsfeldwebel Peter Hirmer am Heimatstandort des Soldaten in Pfreimd findet sie den richtigen Ansprechpartner. Er vermittelt so schnell als möglich den Kontakt zum Spender im Kosovo und zu den vorgesetzten Dienststellen. Auch dort hat man für das dringende Anliegen der Birkenfelder Stiftung ein offenes Ohr. Die Oberstabsärztin in Prizren und der zuständige Spieß nehmen nicht nur die Organisation vor Ort in die Hand, leiten wichtige Unterlagen weiter, bringen die notwendigen Blutproben auf den Weg, machen Telefongespräche zwischen der Entnahmestation in Birkenfeld und dem Spender möglich. Sie stärken auch dem jungen Soldaten den Rücken. Der wird in der Zwischenzeit von seinen Kameraden mit Fragen gelöchert. Was machst Du da? Wie funktioniert so eine Stammzellspende? Ist das nicht gefährlich?  „Da gibt es echt noch viele Vorurteile – von wegen Knochenmarkspende aus dem Rückenmark, was echter quatsch ist“, erzählt der 24-Jährige, im Kosovo als Fahrer eingesetzt wird. Jetzt ist er fast ein medizinischer Experte für Stammzelltransplantation.


In Deutschland bei Bettina Kleinemeier in der Stefan-Morsch-Stiftung laufen die Drähte zusammen: „Ich schlage die Akte morgens auf und abends wieder zu. Zu mehr komme ich im Moment nicht.“ Susanne Morsch, Leiterin der Datei, erklärt: „In unserer Work-up-Abteilung wurden im vergangenen Jahr mehr als 600 Spender bis zur Transplantation betreut und begleitet. Nicht alle diese Fälle sind so kompliziert.“ Aber nach und nach wird sukzessive jedes Problem gelöst und schließlich landet Alexander G. mit einer Maschine der Bundeswehr und einem Zwischenstopp in Italien in Köln-Wahn. Ein Fahrer der Stefan-Morsch-Stiftung erwartet ihn dort und bringt ihn nach Birkenfeld: „Alleine duschen, alleine schlafen!“, lautet der einzige Wunsch, den frisch eingetroffene Spender jetzt hat. Denn im Außencamp im Kosovo verbringt er die Nächte in einem 12-Mann-Zelt und teilt sich die Duschen mehr als 100 Kameraden. Alexander G. zwinkert: „Das kann sehr männlich riechen!“


Am Tag vor der Lymphozytenspende geht es zur Voruntersuchung. Doch die Ärztin der Stiftung, Sieglinde Wolf, hat bei dem sportlichen Soldaten keine Bedenken. Aus der Nähe von Gummersbach reist G. Schwester an, um den jüngeren Bruder bei der Spende zu unterstützen. Und am Tag nach der Spende ist der Wunsch „alleine“ zu schlafen verflüchtigt. Bis zum Rückflug in den Kosovo macht G. einen kurzen Zwischenstop in der Heimat – bei der Freundin.     



» Regelmäßig ist die Stefan-Morsch-Stiftung an den verschiedensten Bundeswehr-Standorten, um über das Thema Stammzellspende aufzuklären. (104.3 KB)
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