Unterwegs, um Leben zu retten
03.07.2012
Guido Schulz von der Stefan-Morsch-Stiftung in Birkenfeld berichtet von seiner Reise als Stammzell-Kurier nach Kapstadt 


Die Kühlbox mit dem Stammzelltransplantat lässt Guido Schulz nicht aus den Augen.
Guido Schulz hat normalerweise einen Bürojob bei der Stefan-Morsch-Stiftung. Doch fünf bis sechs Mal im Jahr tauscht er seinen Computer gegen eine kleine, blaue Kühlbox, die er hütet wie seinen Augapfel. Denn dann ist er Kurier - Stammzellkurier. Und das ist etwas ganz besonders. Denn dann überbringt der 45 Jährige so schnell als möglich - innerhalb von 72 Stunden - das neue blutbildende System zu einem Leukämie- oder Tumorpatienten, der ohne diese blutbildenden Stammzellen keine Chance auf Überleben hat. Und Guido Schulz reist dafür rund um den Globus. Bei seiner jüngsten Tour hat er Tagebuch geführt: Seine Reise startete in Birkenfeld, dem Sitz der Stefan-Morsch-Stiftung, über eine Entnahmestation in Deutschland, nach Kapstadt in Südafrika, wo der Patient transplantiert werden sollte.


Die Reise um den halben Globus kann beginnen: Das Stammzelltransplantat muss so schnell als möglich zum Patienten - dieses Mal nach Kapstadt.

Hier sein Tagebuch:


Erster Tag der Entnahme der peripheren Blutstammzellen beim Spender:


Es ist morgens 7 Uhr und ich fahre von zu Hause schnell noch mal in die Stefan-Morsch-Stiftung. Seit mehr als 25 Jahren bietet die Stiftung Hilfe für Leukämie und Tumorkranke. Sie ist die älteste Stammzellspenderdatei in Deutschland. Stefan Morsch, dessen Namen die Datei trägt, war der erste Europäer, der Knochenmark von einem nicht verwandten Spender transplantiert bekam. Ein Verfahren, das damals nur in den USA angewandt wurde. So hat alles angefangen.


Zurück ins Hier und Jetzt: Ich hole in der Stiftung meine im Laufe der letzten Tage gesammelten Papiere, die ich während des Transportes der Zellen an unterschiedlichen Stellen vorzeigen muss und kontrolliere noch einmal, ob auch alles vollständig ist. Ich schnappe mir die Kühlbox. Sie sieht aus wie eine normale Kühlbox, aber statt kühler Getränke oder frischen Sandwichs sind darin verschiedene Verpackungsmaterialen sowie ein Thermometer. Jetzt müssen noch die tiefgefroren Kühlpacks aus dem Gefrierschrank dazu. Dieses Mal sind es sogar drei, denn die Reise geht ja weit – nach Südafrika. Da wollte ich schon immer mal hin.


Auch auf dem Weg zum Bahnhof in Neubrücke gehe ich in Gedanken die „Packliste“ meiner heutigen Tour durch: Kopien des Prescription for peripheral blood stemm cell collection, sprich mein Auftrag. Eine Bescheinigung, dass der Spender und somit das Produkt keine Infektionskrankheiten enthält (Notification of donor clearrance). Informationen wo und wann ich das Produkt abholen kann.


Angaben zur Transplantationseinheit. Einfuhrgenehmigung. Tickets? Ja, Zollpapiere? Ja, Hotelbuchung? Ja, Geld? Ja, Reisepass? Ja, im Koffer nichts vergessen? Ja. Aufgeregt? Nein. Aber man weiß ja nie was passiert. Ich war noch nie in Afrika. Aber von Land, Leuten und wilden Tieren werde ich wohl kaum etwas zu sehen bekommen. Das Touristenprogramm mit Foto-Safari muss warten….


Mittlerweile ist es kurz vor halb acht Uhr: Jetzt in den Zug und nach 7 Stunden Fahrt hoffentlich pünktlich in der Klinik. Meine Gedanken sind im Moment beim Stammzellspender. In der Stefan-Morsch-Stiftung haben wir täglich mit Ihnen zu tun. Schließlich sind wir eine von 30 Dateien in ganz Deutschland, die jeden Tag bundesweit für die Stammzellspende werben. Um Menschen werben, sich als Spender registrieren zu lassen. Stimmen ihre Gewebemerkmale mit denen, eines leukämie- oder tumorkranken Patienten über ein, werden sie von mir und meinen Kollegen auf die Entnahme der Stammzellen vorbereitet. In enger Abstimmung mit der Klinik des Patienten bitten wir den Spender zu weiteren Voruntersuchungen. Dann kommt es zur Entnahme:


Stammzellen finden sich im Knochenmark. Es gibt es zwei Verfahren, um diese überlebenswichtigen Stammzellen zu gewinnen: Durch eine Punktion des Beckenkamms wird Knochenmark entnommen – niemals aus dem Rückenmark. Das zweite Verfahren – und mittlerweile das am häufigsten angewandte – ist die Stammzellgewinnung aus dem Blut. Dabei wird dem Spender wenige Tage vor der Entnahme ein körpereigener Botenstoff verabreicht. So reichert sich das Blut mit Stammzellen an und kann dann in einer Entnahmestation (Apherese) ähnlich wie bei einer Dialyse entnommen werden.


Ich bin gedanklich schon bei der Übergabe der Stammzellen in der Entnahmestation: Reicht eine Sammlung? Oder muss der Spender morgen nochmal gepikst werden? Das hängt von vielen Faktoren ab. Denn es kann vorkommen, dass eine zierliche junge Frau für einen schwergewichtigen großen Mann spenden muss, der eine große Menge Stammzellen benötigt. Dann muss die Spenderin ein zweites Mal an die Apherese-Maschine. Und mein Zeitplan damit noch enger. Denn das Transplantat – die Stammzellen – sind nur 72 Stunden haltbar. Bis dahin muss ich in Kapstadt sein. Verschiebt sich meine Abreise, muss ich mir ein Hotelzimmer mieten und meine Flüge und das Hotel in Kapstadt umbuchen?


In der Klinik, die eigentlich nur ein Entnahmezentrum für Stammzellen ist, geht alles sehr schnell. Denn die erste Sammlung war bei weitem ausreichend. Die Übergabe erfolgt jetzt durch Kontrolle der Dokumente. Es muss geprüft werden: Bin ich überhaupt der Kurier, der das Transplantat übernehmen darf? Stimmen Spendernummer und auch Patientennummer auf dem Aufkleber des Beutels, in dem sich die Stammzellen befinden, mit denen auf meinem Abholauftrag überein? Ja, unterschreiben, fertig. Jetzt noch das Transplantat sicher in der Kühlbox verstauen und meine angetauten Kühlpacks gegen frische tauschen. Ich fluche ein bisschen innerlich. Die Klinik hat keine mehr auf Vorrat, also die alten schnell noch in die Gefriertruhe und hoffen, dass sie den weiten Weg überstehen. Jetzt den Deckel drauf und das Thermometer gut sichtbar außen an der Box befestigen.


Jetzt ist es 15.30 Uhr und vor mir liegen noch 9400 Kilometer. Das Taxi wartet schon und ab geht es zum nächsten Flughafen. Die Vorschriften sind streng. Würde der Taxifahrer mich fragen, was in der Kühlbox ist, dürfte ich ihm noch nicht einmal verraten, worum es geht. Sicherheit und Datenschutz haben oberste Priorität. Ich liege gut in der Zeit. Das ging heute schnell. Eigentlich könnte ich doch jetzt einen früheren Flug nehmen und hätte dann auf meinem Zwischenstopp mehr Luft. Gesagt getan.


Mit meinem neuen Ticket gehe ich nun zur Sicherheitskontrollen und drücke dem Mitarbeiter vor Ort die Box mit einem Informationsschreiben an den Zoll in die Hand. Ich weise nochmal ausdrücklich darauf hin, dass die Box auf keinen Fall durchleuchtet werden darf. Da ich nicht der erste Kurier an diesem Flughafen bin, wissen die Leute dort Bescheid und die Box geht ohne Röntgenstrahlen durch die Kontrolle. Aber ich halte Sichtkontakt zu der blauen Kühlbox. Das ist übrigens die einzige Ausnahme, in der ich die Box aus der Hand geben muss und darf. Ansonsten muss ich zu der Kiste immer Körperkontakt halten – immer. Nach dem ich die Sicherheitskontrolle passiert habe werde ich auch schon von einem Mitarbeiter des Zolls begrüßt. Ich folge ihm zu einer kleinen Theke, auf der die Box mit einem kleinen Stück Papier auf Sprengstoff untersucht wird - negativ. Heute will auch keiner in die Box schauen und somit ist diese Hürde auch schnell genommen.


Der Flug zum Zwischenziel ist kurz und eine Reihe neben mir sitzt Peter Scholl –Latour. Mann, ist der alt und fit. Als wir landen, trennen sich unsere Wege wieder.


Es ist bereits Abend, als ich zum zweiten Mal in die Luft gehe. Ich habe noch zwölfeinhalb Stunden Nachtflug vor mir. Natürlich muss ich hier vorher wieder durch die Sicherheitskontrolle und auch hier läuft alles glatt. So, jetzt mal einen Blick auf das Thermometer, 2 Grad, alles in Ordnung, Das Transplantat muss bei 2 bis 6 Grad gelagert werden. Die Box ist sicher unter meinen Vordersitz verstaut, Füße drauf und ich kann mich das erste Mal entspannt zurücklehnen! Alles kein Problem, denn ich sitze zum 1. Mal in einem A380, Mann, ist der groß und voll! Eine Stewardess bringt mir ein Glas Wasser und ein Erfrischungstuch und ich erkenne sie gleich wieder, obwohl dieses Flugzeug 20 Personen als Flugbegleitung hat. Ja das war die, die ihren Kollegen beim Einsteigen auf meine Box aufmerksam machte und fragte, ob sie sich nach dem Inhalt erkundigten solle. Als dieser aber nicht reagierte, drehte ich mich kurz um und sagte „Knochenmark“ und ging zu meinem Platz.


Der Start ist angenehm und kurz danach beginnt auch schon das Entertainmentprogramm auf dem Monitor vor mir. Man kann den Flug aus dem Cockpit live verfolgen, denn auf dem Dach des Airbusses befindet sich eine Kamera, schöne Aussicht! Bei der Landung erfahre ich, dass ich mit derselben Crew wieder nach Hause fliege, der Hin- und Rückflug die Arbeitswoche der Besatzung wäre – auch nicht schlecht!


Meine Arbeitswoche sieht in der Regel nicht so aus. Eigentlich arbeite ich in der Datei für Knochenmark- und Stammzellspender und mache nur gelegentlich einen Transport. Bei der Stefan-Morsch-Stiftung gibt es insgesamt drei Kollegen, die dafür ausgebildet und zertifiziert sind, den Kurierdienst zu übernehmen. Dabei transportieren wir nicht nur Transplantate aus unserer eigenen Entnahmestation in Birkenfeld, sondern so wie heute auch fremde. Eine anstrengende, aber auch schöne Abwechslung und zugleich Möglichkeit die Welt kennen zu lernen.



Zweiter Tag:


Nach zehneinhalb Stunden Flug der zweite Zwischenstopp in Johannesburg: Ankunft morgens um 8:45 Uhr, Gott sei Dank keine Zeitverschiebung. Jetzt bin ich schon mehr als einen Tag unterwegs. Nun muss ich erst einmal durch den afrikanischen Einfuhrzoll. Komisch, keiner will was von mir. Ich halte einem Beamten meine Papiere hin, doch der winkt mich nur kurz durch. Super! Schnell zum anderen Terminal. In der Ankunftshalle reißt mir ein Mann in Uniform meinen Trolli aus der Hand und bringt mich direkt zur richtigen Sicherheitskontrolle. Er fragt nach einem Trinkgeld, worauf ich antworte, dass ich leider keine Rand für ihn habe. Aber auch dieses Problem ist schnell gelöst. Der Mann erklärte, dass er auch mit Euro zufrieden wäre.


Jetzt aber schnell durch die letzte Sicherheitskontrolle auf dem Weg zum Patienten in Kapstadt. Sollte doch eigentlich so einfach gehen wie gestern – falsch gedacht. Auch hier übernimmt ein Mitarbeiter von der Sicherheitskontrolle die Box und bringt mich direkt wieder zur zuständigen Zollbeamtin. Als diese mich, meine Box und meine Papiere sieht, geht der Stress schon los: Ich sei heute schon der zweite Kurier aus Deutschland, der nicht die erforderlichen Papiere dabei hat! Was meint sie? Ich hätte den Transport schon in Deutschland bei Lufthansa anmelden und genehmigen lassen müssen, die Papiere für den deutschen und den afrikanischen Zoll seien nicht ausreichend! Außerdem sei ich kein Arzt und hätte somit nicht die Berechtigung, das Knochenmark in Afrika einzuführen und zu transportieren.


Die Vorwürfe sind haltlos. Schließlich ist der Transport von Knochenmark international standardisiert. Aber wahrscheinlich ist die Dame nur genervt, dass heute schon zum zweiten Mal jemand vor ihr steht und ihre Zeit beansprucht. Sie lässt mich dann auch gehen. Hört sich im Nachhinein lustig an, war aber doch etwas nervenaufreibend.


Endlich nach 36 Stunden: Ankunft in Kapstadt, 25° Außentemperatur und die geforderte Temperatur in der Kühlbox. Die Luft ist eine andere. Es riecht nach einem anderen Kontinent. Aber die Fahrt zur Klinik muss für mich Stadtrundfahrt genug bleiben. Auf mich wartet schon ein Fahrer der Transplantationsklinik und bringt mich auch dem schnellsten Weg zum Ziel. Die Übergabe dort geht genauso schnell, wie die Übernahme gestern, denn ich habe genau das gebracht, was dort schon sehnsüchtig erwartet wurde. In meiner blauen Kühlbox war keine Cola, sondern ein Energiepack, der Leben retten kann. Ich wünsche den Ärzten für ihren Patienten viel Glück, sage Afrika adé!


Wenn ich überlege, dass neben unserer Stiftung, die täglich mindestens eine Spende weltweit vermittelt, auch durch anderen Organisationen jährlich tausende von Menschenleben gerettet werden können, gibt es doch viele wie mich. Jeden Tag sind Menschen wie ich unterwegs, einen kleinen, aber mitentscheidenden Mosaikstein auf dem Weg zu einem neuen und gesunden Leben einzufügen. Darauf bin ich ein bisschen stolz.



back