Tatjana Brodhuhns Leben geht quer durch die Weltgeschichte
19.06.2015
Jetzt geht die 65-jährige Labormitarbeiterin der Stefan-Morsch-Stiftung nach 18 Jahren in Rente


18 Jahre arbeitet Tatjana Brodhuhn bei der Stefan-Morsch-Stiftung - Jetzt geht sie in Rente.
„Politik? Das interessiert mich nicht“, hört man manchmal. Wer sich von Tatjana Brodhuhn ihre Lebensgeschichte erzählen lässt, bekommt einen Abriss durch die Weltgeschichte – am Beispiel einer Frau, die aus Sibirien nach Deutschland kam. In Birkenfeld ist sie gelandet – hat 18 Jahre bei der Stefan-Morsch-Stiftung gearbeitet und geht jetzt mit 65 Jahren in Rente. Damit beginnt für sie ein neuer Lebensabschnitt. Anlass mit ihr über ihr Leben, über die Weltgeschichte und über ihre Arbeit zu sprechen.


Ein Erinnerungsfoto mit den Kolleginnen und Kollegen aus dem HLA-Labor der Stefan-Morsch-Stiftung hat sich Tatjana Brodhuhn gewünscht.

Geboren ist Tatjana Brodhuhn in Russland. Wer sich Sibirien als karges, armes Land vorstellt, dem widerspricht sie. „Es ist grün. Und wir waren nicht arm“, sagt sie. Ihre Eltern arbeiteten in der Ölindustrie und wollten, dass auch Tatjana dort arbeitet. Eigentlich will sie Ärztin werden. Doch Tatjana wird Lehrerin in der UdSSR: Chemie, Biologie und Erdkunde. Und Tatjana heiratet. Ihr Mann ist ein Wolgadeutscher. Stalin hatte seine Familie nach Sibirien deportiert. Die Schwiegermutter hat das als Kind erlebt. „Es war kein einfaches Leben für die Deutschen“, erzählt Tatjana. Hitlers Russlandfeldzug hat ein schweres Erbe hinterlassen... Misstrauen und Diskriminierung erlebt die Familie im Beruf, aber auch von Nachbarn und Freunden. Mit Kohl und Gorbatschow kommt dann in den 90er Jahren die Wende. In Deutschland fällt die Mauer. Tatjanas Mann schmiedet Pläne. Er will mit seiner Familie weg aus Russland. Die Papiere sind fertig, der Umzug nach Deutschland geplant, da stirbt der Familienvater bei einem Autounfall.


„Es war sein Wunsch, dass wir nach Deutschland gehen“, erzählt Tatjana, die nun mit der Schwiegermutter und den Kindern allein auswandert. Hier gilt sie als Ausländerin, ist Alleinerziehend, spricht kein Deutsch, kann in ihrem Beruf nicht arbeiten. Über Düsseldorf, Hamm und einem „kleinen Dorf im Wald“ in Thüringen kommt sie schließlich nach Birkenfeld. Im Hunsrück kommen nach dem „Kalten Krieg“ viele Menschen aus dem Osten an. Die „Konversion“ ist im vollen Gange. Tatjana will keine Sozialhilfe. Sie will die Sprache lernen und arbeiten. So findet sie Arbeit bei der Stefan-Morsch-Stiftung. „Das war der 2. Januar 1997“, weiß Tatjana Brodhuhn. Sie hat alle Daten exakt im Kopf. Zunächst macht sie Botengänge und große Fortschritte in Deutsch: „Es war eine schwere Zeit, aber sie war auch toll!“, erzählt Tatjana. Als ehemalige Biologielehrerin schafft sie den Sprung von der Bürobotin ins Labor der Stiftung.


Vorsitzender Emil Morsch erklärt: „Menschen, die wie Tatjana Brodhuhn eine solche Arbeitsbiografie haben, bringen nicht nur fachliche Qualifikationen mit. Ihr Engagement, ihre Lebenserfahrung und ihre Empathie sind Kompetenzen, die wir als Arbeitgeber zu schätzen wissen.“ Tatjana Brodhuhn drückt das anders aus: „Ich bin eigentlich kein Typ, der immer das Gleiche machen wollte. Aber die Arbeit war abwechslungsreich, manchmal extrem viel.“ Sie ist geblieben, 18 Jahre lang bis jetzt. Ende des Monats geht sie in Rente. Dr. Marco Schäfer, Leiter des Labors, verliert sie nicht gerne: „Sie war nicht nur als Arbeitskraft wichtig, sondern auch als Mensch, als Ansprechpartnerin für die Kollegen.“


Tatjana verlässt die Stiftung. Sie geht aus Birkenfeld weg nach Thüringen zu ihrem neuen Mann, mit dem sie schon seit 15 Jahren eine Wochenendehe führt. Die Kinder sind erwachsen: die Tochter Juristin, der Sohn Speditionskaufmann. Ihre Schwiegermutter starb im Frühjahr 2015. Jetzt beginnt für die Frau aus Russland wieder ein neues Leben. Dem sieht sie mit einem lachenden und einem weinenden Auge entgegen. Rückblickend sagt sie: „Es ist nicht wichtig wer kommt oder was kommt. Es ist wichtig wie man geht!“



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