Im Kampf gegen Blutkrebs sind Netzwerker gefragt
12.06.2015
HLA-Workshop der Stefan-Morsch-Stiftung in Idar-Oberstein machte deutlich: Im Labor wird der Weg zum Lebensretter geebnet


Susanne Morsch: "Im Kampf gegen Leukämie sind Netzwerker gefragt."
Leukämie - 11 000 Patienten und ihre Angehörigen müssen jedes Jahr in Deutschland mit dieser Diagnose zurechtkommen. Viele bekommen durch Chemotherapie- und/oder Bestrahlung eine Heilungschance. Manche benötigen eine Stammzellspende, damit sie weiterleben können. Im Hintergrund sind dann Mediziner, Spenderdateien, Spendersuchzentrum und Laborfachleute am Werk, um einen passenden Spender zu finden. Beim HLA-Workshop der Stefan-Morsch-Stiftung Anfang Juni in Idar-Oberstein wurde deutlich, wie wichtig die Verzahnung dieser Experten ist – nicht nur um das Leben der Patienten zu retten, sondern auch, wenn es darum geht, das Leiden der Patienten so gering wie möglich zu halten.


Dr. Harald Biersack: „Wenn mehrere passende Spender für einen Patienten zur Auswahl stehen, dann schauen wir nach dem Alter und dem Geschlecht der Spender."

Seit mehr als 10 Jahren organisiert die Stefan-Morsch-Stiftung jährlich eine Fortbildung zu den Themen HLA-Typisierung, Immungenetik und Stammzelltransplantation. Schwerpunkt dieser Fortbildung ist der Austausch von Erfahrungen zwischen Ärzten und Laborfachleuten. Deshalb gehört Dr. Harald Biersack, früher am Idar-Obersteiner Klinikum, heute Transplanteur an der Universitätsklinik Lübeck, zum festen Referentenstab. Sein Part: Welche Informationen über mögliche Spender sind wichtig? „Wenn mehrere passende Spender für einen Patienten zur Auswahl stehen, dann schauen wir nach dem Alter und dem Geschlecht der Spender. Frauen sind die weniger geeigneten Spender, so der Transplanteur. Er macht klar, dass aber möglichst 10 von 10 Gewebemerkmalen (HLA-Werten)übereinstimmen sollten.


Diese HLA-Werte werden im Labor mit immer größerer Genauigkeit analysiert. Wie das mit modernster Technik funktioniert, darum drehten sich viele Vorträge. Was aber bedeutet es für den Patienten, wenn mit 9 von 10 Übereinstimmungen transplantiert werden muss? Was bedeutet es, wenn Alter und Geschlecht bei der Auswahl der Spender keine Rolle spielen konnten, weil nur ein Spender zur Verfügung stand? Das machte Harald Biersack deutlich. Die Überlebenschancen steigen, wenn die Spender jung sind. Die Abstoßungsreaktionen fallen geringer aus, wenn eine Spenderin weniger als 2 Schwangerschaften hatte: „Diese Graft versus Host-Reaktion (Siehe Info) kann das Leben des Patienten stark gefährden oder im Langzeitverlauf, also Jahre nach Transplantation, die Lebensqualität deutlich einschränken“, so Biersack.


„Für mich ist das wichtig, zu wissen“, sagt die molekular biologische Assistentin Katja Meng, eine Teilnehmerin des Workshops. „Ich weiß weder wie der Spender aussieht, noch wie es dem Patienten geht, wenn ich die Proben ins Labor bekomme. Durch solche Vorträge wird mir noch einmal vor Augen geführt, wie wichtig meine Arbeit ist, damit die Patienten nicht unnötig leiden müssen.“


Für Susanne Morsch, Leiterin des Internationalen Suchzentrums und Vorstandsmitglied der Stefan-Morsch-Stiftung, diese Aussage entscheidend: „Hilfe für Leukämie- und Tumorkranke ist Teamarbeit.“ In ihrem Vortrag berichtete sie von einem jungen Mann, dessen Leben durch diese Teamarbeit gerettet werden konnte. Sie zeigt Bilder von Ihm und seinem Kind, das nach der Transplantation geboren wurde. „Unser Ziel als Stiftung ist es, Leben zu retten“, so Morsch. Sie betont: Damit das Netzwerk funktioniert, muss sich jeder in diesem Netzwerk seiner Verantwortung bewusst sein. „Deshalb ist uns dieser HLA-Workshop auch so wichtig. Er zeigt Verbindungen auf, die für die Patienten überlebenswichtig sein können. Im Kampf gegen Leukämie sind Netzwerker gefragt."


 




Dr. Tobias Roth, Mitarbeiter der Stefan-Morsch-Stiftung, bei seinem Vortrag über die Tarn-Fähigkeiten von Bakterien.

Graft-versus-Host-Reaktion: Diese Abstoßungsreaktion nennt man zu Deutsch „Transplantat gegen Wirt Erkrankung“. Die Spender-Lymphozyten wenden sich gegen Empfänger-Gewebe. Bei der allogenen (von einen anderen Person stammendes Transplantat) Stammzelltransplantation erhält der Empfänger - vereinfacht ausgedrückt - ein "neues" Immunsystem. Unterscheiden sich Spender und Empfänger hinsichtlich der Gewebemerkmale (sogenannte Human Leukozyten Antigene) zu sehr voneinander, können die transplantierten Zellen das Gewebe des Empfängers als fremd erkennen. Sie versuchen, das Gewebe ihres neuen "Wirts" zu bekämpfen. Man spricht von "Transplantat-gegen-Wirt-Reaktion" (englisch "Graft-versus-Host-Disease", GvHD). Greifen die neuen Immunzellen die Haut oder innere Organe des Empfängers an, kann es zu schwerwiegenden Nebenwirkungen kommen.


Die Stefan-Morsch-Stiftung mit Sitz in Birkenfeld (Rheinland-Pfalz) ist die älteste Stammzellspenderdatei Deutschlands. Unter dem Leitmotiv “Hoffen – Helfen – Heilen“ leisten die heute mehr als 60 Mitarbeiter seit fast 30 Jahren Hilfe für Leukämie- und Tumorkranke. Hauptziel der Stiftung ist es, Menschen zu werben, sich als Stammzellspender registrieren zu lassen. Daher sind nahezu täglich Teams der Stiftung in ganz Deutschland unterwegs, um bei Typisierungsaktionen über das Thema Stammzellspende zu informieren. Mehr als 1000 Typisierungsaktionen wurden so im vergangenen Jahr angeboten. Dabei wurden allein in 2014 rund 30 000 neue Stammzellspender registriert. Insgesamt stehen in der Datei der Stefan-Morsch-Stiftung mehr als 400 000 Spender für weltweite Suchanfragen zur Verfügung.


Unter den Fachleuten der gemeinnützigen Organisation sind Ärzte und anderes medizinisches Personal, Labor- aber auch Verwaltungsfachleute der Spenderdatei. Neben der Spenderdatei ist die Stiftung auch internationales Suchzentrum für die Ermittlung von Spendern weltweit. Die Stiftung hat zudem am Sitz in Birkenfeld eine eigene Entnahmestation für periphere Blutstammzellen und eines der größten HLA-Labor Europas. Die Entnahme peripherer Blutstammzellen wird so häufig in der hauseigenen Apherese in Birkenfeld vorgenommen und im HLA-Labor der Stiftung werden jährlich bis zu 40 000 Blutproben analysiert.


2014 wurden aus der Stiftung mehr als 600 Spender angefragt, ob sie mit einer Blutstammzell- bzw. Knochenmarkspende einem an Leukämie erkrankten Menschen eine Chance auf Heilung geben.



» Dr. Thomas Binder aus Hamburg bei seinem Vortrag über HLA und Stammbäume. (197.5 KB)
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